Facebook-Kryptowährung: Ist der Libra Coin eine Bedrohung für die Banken?

Autoren: Jonas Gross, Philipp Sandner, Felix Bekemeier. See English version here.

Vor zwei Wochen hat Facebook erste Informationen über sein eigenes Kryptowährungsprojekt veröffentlicht. Das Konsortium, welches Libra Association heißt, hat derzeit rund 30 Partner. Zahlreiche namhafte Unternehmen wie Paypal, Mastercard, Visa, Spotify und Uber gehören bereits zum Libra-Konsortium; 100 Partner sollen es einmal sein. Gerüchten zufolge haben eine Woche nach Bekanntgabe der Libra-Pläne mehr als 500 Unternehmen die Aufnahme in das Konsortium beantragt — also weit mehr als bisher geplant sind. Und das nach zwei Wochen. Ziel ist es, eine Blockchain-ähnliche Infrastruktur bereitzustellen, die es ermöglicht, weltweit Zahlungen schnell, einfach und kostengünstig abzuwickeln.

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Anders als beim Bitcoin, der große Preisschwankungen zeigt, soll Libra eine stabile Währung sein. Dies soll durch eine 100%-Deckung durch Finanzanlagen, den sog. Libra-Reserven, erreicht werden. Libra wird jedoch nicht an den US Dollar oder an eine andere traditionelle Währung gekoppelt sein, sondern an einen diffusen Korb aus Finanzanlagen (v.a. Währungen und Staatsanleihen).

Das Projekt hat das Potenzial, Transaktionskosten — vor allem für grenzüberschreitende Transaktionen für Millionen von Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern — deutlich zu senken. Diese Gebühren entsprechen in bestimmten Gegenden der Welt derzeit oftmals zu 10 Prozent des Transaktionsvolumens. Dem Whitepaper zufolge sind derzeit 1,7 Milliarden Erwachsene weltweit ganz oder vom Finanzsystem ausgeschlossen. Gemeint ist hiermit, dass diese Menschen oftmals keine Möglichkeit besitzen, effizient Überweisungen zu tätigen oder — etwa wegen der lokalen Inflation — Werte für die Zukunft sicher aufzubewahren. 1,7 Milliarden Erwachsene — das entspricht ca. 30 Prozent der Weltbevölkerung. Zwei Drittel davon besitzen jedoch Mobiltelefone mit Internetzugang. Diese würden wie eine Geldbörse eingesetzt, um Libra aufzubewahren und Zahlungen durchzuführen.

Für den Fall, dass Libra bei Facebook selbst, aber auch bei Whatsapp, Instagram, Visa, Mastercard — welche alle bereits jetzt zum Konsortium gehören — eingesetzt würde, wäre in kurzer Zeit eine sehr hohen, weltweite Reichweite möglich: Quasi über Nacht würden hunderte Millionen Menschen zu Libra-Nutzern. Es wäre davon auszugehen, dass Libra in Kürze zu den weltweit wichtigsten Handelswährungen würde. Die 100%-Deckung hätte zum Ergebnis, dass einige hundert Milliarden US Dollar an eben diesen Währungen und Staatsanleihen gekauft werden müssten. Mithin würde Libra zügig zu einem sehr bedeutenden Käufer von Staatsanleihen.

Das Ziel, hunderten Millionen Menschen Finanzdienstleistungen zu ermöglichen (“financial inclusion”), steht auch bei wichtigen Institutionen wie den Vereinten Nationen oder der Weltbank sehr weit oben auf der Prioritätenliste. Würde Libra dieses Ziel erreichen — und sei es durch eine Initiative von gewinnorientierten Unternehmen — wäre dies grundsätzlich positiv einzuschätzen. Allerdings gibt es erhebliche Risiken: Facebook ist kein Musterschüler in Sachen Datenschutz und Briefgeheimnis. Schwerer wiegt jedoch der Umstand, dass die Governance der Libra Association und insbesondere die Entscheidungsfindung zur Zusammensetzung der Libra-Reserve bis heute unklar sind. Am kritischsten ist jedoch das Risiko, dass der Initiator Facebook mit den Konsortiumsmitgliedern folgende drei Dinge miteinander verschränkt: Daten, Personenidentitäten und Zahlungsverkehr. Es sind genau diese Risiken, die derzeit zurecht vielfach Widerstand und Skepsis erzeugen. Regierungen, Finanzmarktaufsichten und Zentralbanken sollten daher — diese Risiken im Blick — exakt prüfen, unter welchen Bedingungen Libra die erforderlichen Lizenzen für den Betrieb erhält. Dann kann Libra — bei allem derzeitigen Wehklagen — ein sehr beeindruckendes Vorhaben werden, was die Finanzbranche verändern wird und die Welt verändern kann.

Einfluss auf den Finanzsektor

Banken in Deutschland und Europa wären kurzfristig durch Libra nicht in Gefahr. Der Grund ist, dass hierzulande der Euro die gesetzliche Währung ist. Kurzfristig scheint es unvorstellbar, dass Libra — als diffuser Korb von Finanzanlagen — etwa auf Rechnungen oder in der Buchhaltung verwendet wird.

Allerdings gibt es zwei wesentliche Aspekte, die Banken auch in Deutschland zu schaffen machen könnten: Der erste Aspekt betrifft Libra. Deutschland tätigt internationalen Handel in erheblichem Volumen und zwar naturgemäß in diversen Währungen, allen voran in US Dollar. Würde etwas dagegen sprechen, dass etwa Aldi, wenn Bananen aus Ecuador importiert werden, diese Bananen in Libra bezahlt? Der Libra-Betrag wäre binnen Millisekunden von Aldi nach Ecuador transferiert — ein Prozess, der heute Tage dauert. All dies ist möglicherweise Spekulation. Aber gänzlich ausgeschlossen wäre es nicht, das Libra mittelfristig für einen Teil des Außenhandels eine gewisse Bedeutung erlangen würde. Dieses Geschäft würde dann Banken entzogen werden.

Der zweite Aspekt betrifft nicht Libra als Projekt, sondern die technische Basis: die Blockchain-Technologie. Diese wird in den kommenden Jahren die deutsche und internationale Finanz- und Bankenszene sehr stark verändern. Es ist davon auszugehen, dass früher oder später etwa auch der Euro aber auch Aktien und andere Wertpapiere auf Blockchain-Systemen notieren werden. In Banken und vor allem bei 500.000 Mitarbeitern im deutschen Finanzsektor ist dies mehrheitlich nicht bekannt. Das ist durchaus bedauerlich, da gerade im Bereich Blockchain heute zahlreiche Geschäftschancen existieren — das Projekt Libra eingeschlossen. Wer hier nun nicht beherzt agiert, ist in wenigen Jahren mit den Risiken konfrontiert. Dann kommt der Gegenwind und man wird machtlos zusehen müssen, wie Margen und Umsätze schrumpfen.

Kurzum heißt dies: digitale Transformation. Auch wenn dieser Begriff in vielen Häusern Schrecken und Widerstand auslöst, muss die digitale Transformation mit Verve angepackt werden, denn: Technologischer Fortschritt war noch nie und digitaler Wandel ist nicht aufzuhalten. Packen wir’s an!

Bemerkungen

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Jonas Groß ist Project Manager und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Frankfurt School Blockchain Center (FSBC). Seine Interessengebiete sind vor allem Kryptowährungen. Außerdem analysiert er im Rahmen seiner Doktorarbeit die Auswirkungen der Blockchain-Technologie auf die Geldpolitik der weltweiten Zentralbanken. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit Innovationen wie Central Bank Digital Currencies (CBDC) und Central Bank Crypto Currencies (CBCC). Du kannst ihn per Mail (jonas.gross@fs-blockchain.de), LinkedIn (https://www.linkedin.com/in/jonasgross94/) und via Xing (https://www.xing.com/profile/Jonas_Gross4) kontaktieren.

Prof. Dr. Philipp Sandner ist Leiter des Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) an der Frankfurt School of Finance & Management. Im Jahr 2018 wurde er von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), einer der größten Zeitung in Deutschland, als einer der “Top 30” Ökonomen ausgezeichnet. Darüber hinaus gehört er zu den “Top 40 unter 40” — einem Ranking des deutschen Wirtschaftsmagazins Capital. Die Expertise von Prof. Sandner umfasst insbesondere Blockchain-Technologie, Krypto-Assets, Distributed Ledger-Technologie (DLT), Euro-on-Ledger, Initial Coin Offerings (ICOs), Security Token (STOs), Digital Transformation und Entrepreneurship. Du kannst ihn per Mail (email@philipp-sandner.de), via LinkedIn(https://www.linkedin.com/in/philippsandner/) oder auf Twitter (@philippsandner) kontaktieren.

Felix Bekemeier ist Project Manager und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Frankfurt School Blockchain Center (FSBC). Zu seinen Interessen gehören die mikroökonomische Analyse des Agentenverhalten in DLT-Netzwerken sowie die Identifizierung von Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain Technologie. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit Geldtheorie und -politik sowie finanzmarktbezogenen Regulierungsstrategien der Zukunft. Du kannst ihn per Mail (felix.bekemeier@fs-blockchain.de) oder über LinkedIn(https://www.linkedin.com/in/felix-bekemeier kontaktieren.

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