Studie “Der programmierbare Euro: Bestandsaufnahme — Perspektive”

Zusammenfassung

  1. Geschäftsprozesse innerhalb der deutschen Realwirtschaft und der Finanzbranche gewinnen stetig an Komplexität, wodurch Automatisierung und Digitalisierung in den Fokus rücken. Aktuelle Zahlungsinfrastrukturen wie das SEPA- oder TARGET2-System können die Anforderungen neuartiger Geschäftsmodelle nicht optimal abbilden, da komplexe Datensynchronisationen zu Systembrüchen führen und Kontrahentenrisiken, welche durch die zeitliche Asynchronität zwischen Leistung und Gegenleistung entstehen, bislang nicht gänzlich vermieden werden können. Demnach wächst der Bedarf nach Zahlungslösungen, welche Ineffizienzen aktueller Infrastrukturen beheben und ein Fundament für zukunftsträchtige Geschäftsmodelle legen.
  2. Eine zeitnahe Lösung in Form eines programmierbaren Euros ist essentiell, um innovative Geschäftsmodelle des Industriestandorts Deutschland zu fördern. Hierfür ist der Privatsektor gefragt. Es sollte nicht auf die Entwicklung eines digitalen Euros der Europäischen Zentralbank (EZB) gewartet werden, welcher zwar parallel abläuft aber wohl nicht vor 2026 zur Verfügung stehen wird.
  3. Um den Anforderungen der Realwirtschaft und des Finanzsektors gerecht zu werden und die Limitationen des aktuellen Geldsystems zu adressieren, bietet sich die Emission eines programmierbaren Euros auf Basis der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) durch Institutionen des Privatsektors an. Mögliche Aus-gestaltungen sind hierfür (1) Stablecoins; emittiert durch (derzeit) unregulierte Unternehmen, (2) tokenisiertes Giralgeld; emittiert durch Kreditinstitute, (3) tokenisiertes E-Geld; emittiert durch E-Geld-Institute und (4) Trigger-Lösungen, die konventionelle Zahlungsinfrastrukturen und DLT verbinden.
  4. Diese Studie zeigt auf, wie auf der DLT basierende Euro-Zahlungslösungen Ineffizienzen des aktuellen Zahlungssystems adressieren und innovative Geschäftsmodelle ermöglichen können. Es werden konkrete Anwendungsfälle beschrieben und Handlungsempfehlungen zur proaktiven Förderung ent-sprechender Innovationen abgeleitet. Die DLT als technologische Infrastruktur ermöglicht u.a. sofortige, fälschungssichere und automatisierte Transaktionen — DLT-basierte Zahlungslösungen werden zukünftig traditionelle Zahlungssysteme ergänzen, um mit der zunehmenden Digitalisierung von Geschäftsprozessen Schritt zu halten.
  5. Ein programmierbarer Euro unterstützt zahlreiche innovative Anwendungsfälle für den Finanzsektor und die Realwirtschaft. Innerhalb der produzierenden Industrie können Geschäftsmodelle rund um Pay-per-Use und Tokenisierung u.a. zu einem effektiven Liquiditätsmanagement beitragen und neue Geschäftsfelder erschließen. Die dezentrale Natur der DLT impliziert zudem, dass Effizienzgewinne innerhalb des Lieferkettenmanagements realisiert werden können, da Parteien nicht einander, sondern ausschließlich der zugrundeliegenden Technologie vertrauen müssen. Innerhalb der Energiewirtschaft ermöglichen Smart Contracts einen automatisierten und effizienten An- und Verkauf von Strom. Der Finanzsektor profitiert von DLT-basierten digitalen Wertpapieren, effizienteren Wertpapier-abwicklungen und einer höheren Effizienz im Interbankenzahlungsverkehr. Darüber hinaus birgt die DLT auch ein überaus großes Potential für die Versicherungs-branche. Für all diese DLT-Anwendungsfälle würde ein programmierbarer Euro eine effiziente Bezahlmöglichkeit bereitstellen, die u.a. Micropayments und digitale Zug-um-Zug-Geschäfte ermöglicht — Grundbausteine für die Industrie der Zukunft.
  6. Es ist unerlässlich, in engem und kontinuierlichem Dialog mit allen beteiligten Stakeholdern, u.a. politischen Entscheidungsträgern, Finanzaufsichtsbehörden, Organisationen des Finanzsektors, privaten Unternehmen und Verbrauchern zu stehen, um die Entwicklung des programmierbaren Euros zu fördern. Auch innerhalb der Wirtschaft ist unternehmensübergreifende Kollaboration notwendig, um Standardisierung, Interoperabilität und Fungibilität der Zahlungslösungen zu gewährleisten. Besonders die Interoperabilität verschiedener DLT-Protokolle sollte im Fokus aller Parteien stehen, da das Potential der Technologie nur durch interoperabel nutzbare Leistungen in vollem Maße ausgenutzt werden kann. Die europäische Wirtschaft sollte sich auf eine einheitliche Lösung verständigen, damit der Euro weiterhin weltweit Zahlungsmittel bleibt. Dafür ist ein weitsichtiger, transparenter und technologieneutraler Rechtsrahmen für den programmierbaren Euro unerlässlich. Kernpunkte sind hierbei u.a. die Vereinbarkeit des programmierbaren Euros mit Datenschutzbestimmungen, dem Vertragsrecht sowie dem Wertpapierrecht. Die daraus resultierende Rechtssicherheit ist notwendig, um das Vertrauen von Investoren zu gewinnen und Praxisprojekte rund um den programmierbaren Euro zu fördern. Hierfür setzt sich die vorliegende Studie und die Finanzplatz München Initiative (FPMI) ein.

Anmerkungen

Die Studie besteht aus 75 Seiten und kann hier heruntergeladen werden (direkter Link zum PDF).

Über die Autoren:

Prof. Dr. Philipp Sandner hat das Frankfurt School Blockchain Center gegründet. Von 2018 bis 2020 wurde er von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) als einer der „Top 30“-Ökonomen ausgezeichnet. Darüber hinaus gehörte er zu den „Top 40 unter 40“ — einem Ranking des Wirtschaftsmagazins Capital. Seit 2017 ist er Mitglied des FinTechRats des Bundesministeriums der Finanzen.

Über das Frankfurt School Blockchain Center:

Das FSBC an der Frankfurt School of Finance & Management ist als Think Tank und Forschungszentrum konzipiert und beschäftigt sich mit den Implikationen der Blockchain-Technologie für Unternehmen und Wirtschaft. Zudem bietet das Center eine Plattform zum Wissensaustausch für Entscheidungsträger, Start-ups, Technologie- und Industrieexperten.

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Jonas Gross is Chairman of the Digital Euro Association (DEA) and Head of Digital Assets and Currencies at etonec. Further, Jonas holds a PhD in Economics.

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Jonas Gross

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Jonas Gross is Chairman of the Digital Euro Association (DEA) and Head of Digital Assets and Currencies at etonec. Further, Jonas holds a PhD in Economics.